Zur dritten Ausgabe von lettere aperte. Aus den cross sections der Italienischen Literatur.

 

Editorial

 

Vor rund drei Jahren wurde das Open-Access-Projekt lettere aperte initiiert – mit der offensiven, aber keineswegs despektierlich gemeinten Absicht, die Tradition der italienischen Philologie thematisch und methodisch zu öffnen, ja diese strategisch zu Gunsten neuer (oder retrospektiv, unzeitgemäßer) „Möglichkeiten der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Italien“ zu verunreinigen.[1] Die Italianistik sollte nicht mehr nur das Studium der kanonisierten Literatur in nationaler Perspektive bedeuten. Auch die sogenannten minores oder populärkulturelle Erzeugnisse bis hin zu den transatlantischen Ablegern italienischer Kultur sollten im Repertoire aufgenommen zu werden. Einer Italianistik, die riskierte (so der Eindruck), zur leeren Formel ihrer selbst zu verkommen, sollte eine mögliche Variante gegenübergestellt werden, die sich selbst mitsamt ihrem Gegenstand und ihren Methoden neu zu denken bereit war; eine Variante, die sich – bildhaft gesprochen – zur traditionellen etwa so verhält wie zu den vertrauten italienischen Ansichten auf den Postkarten, die von Gabriele Basilico photographisch dokumentierten cross sections.

   Diese eher unbescheidene programmatische Auflage der „Öffnung“ entsprach ohne weiteres den inzwischen als konventionell erkannten Merkmalen einer im Netz verbreiteten Literaturkritik – ihrer Tendenz zum «Spontaneismus» und zur «Invektive» (Emanuele Zinato), die oft Symptom für «verkehrte Ambitionen» sind, wie Francesco Guglieri und Michele Sisto in ihrer Studie über Entstehung und Situation literaturkritischer (ipso facto oft wenig literatur-wissenschaftlicher) Online-Medien geschrieben haben[2]. Dieser wie auch immer übermütigen Absicht entsprachen, neben dem Respekt vor geisteswissenschaftlicher Qualität, auch ein an das Medium selbst gerichteter Anspruch der Veränderbarkeit. Anders als etablierte Online-Seiten oder „Fachzeitschriften“ mit festem Format, sieht lettere aperte elastische Strukturen vor: Sie sollen den themenspezifischen Anforderungen angepasst, das heißt je nach Nummer, Inhalt und Herausgeber neu interpretiert werden können. Damit verbunden ist nicht zuletzt die Absicht, die medialen Vorbedingungen von lettere aperte ihren spezifischen Möglichkeiten entsprechend experimentell auszunutzen – eben nicht zu verwechseln mit dem bereits genannten Hang zum Überreifer oder, noch expliziter, zu jenem spontaneismo qualunquista, in dem Stefano Salis eine abwegige und quasi zwangsläufige Tendenz von Online-Journals erkennt.[3]

In der hier veröffentlichten 3. Ausgabe wurde auf die Gestaltung thematischer Vorgaben seitens der Herausgeber verzichtet, oder anders gesagt: diese wurde reduziert auf die Koordination der Aufnahme und Vermittlung eines bestehenden Forschungsprogramms – Storia e mappe digitali della letteratura tedesca in Italia nel Novecento. Es handelt sich dabei um ein öffentlich finanziertes Projekt zur Erforschung und digitalen Erfassung der Verbreitung deutschsprachiger Literatur in Italien, genauer: der Rolle der deutschen Literatur und Philosophie als symbolisches Kapital für geschichts- und kanonbildende Kräfte im Italien des 20. Jahrhunderts.[4]

Permalink: http://www.lettereaperte.net/artikel/ausgabe-3-2016/271