In Versen bezeugen

Call for papers für die 6. Ausgabe (2019) der Zeitschrift "lettere aperte"

 

In seinem kürzlich erschienenen Sammelband (La pura superficie, Donzelli, 2017) stellt Guido Mazzoni fest: "[L]a politica comincia quando non esistono più eventi illeggibili o pure vittime, quando diventa giusto morire e soprattutto uccidere in nome di qualcosa". Direkt darauf fügt er hinzu: "anche se oggi non osiamo più pensarlo, anche se oggi non oseremmo scriverlo, o lo faremmo solo in una poesia." Diese Überlegungen sind mehrdeutig (man denke nur an die zahlreichen Reaktionen auf die Terroranschläge der letzten Jahre). Sie können jedoch auch als Einladung interpretiert werden, die Beziehung zwischen Literatur und der umgebenden Realität in einer diachronen und transnationalen Perspektive zu überdenken.

Wenn, wie Roberto Chiapparoli betont (in Dove va la poesia?, hrsg. V. Mauro Ferrari, Puntoacapo, 2018), jemand alleine auch nur in den 90er-Jahren von Plattformkapitalismus, der Robotorisierung, der sharing economy oder dem bedingungslosen Grundeinkommen gesprochen hätte, “avremmo pensato fosse un fanatico di fantascienza o un illuso romantico”. Die Eigentümlichkeiten des 21. Jahrhunderts, die den historisch-kulturellen Kontext ausmachen, zwingen uns jedoch, einerseits die Umkehrung bestehender Paradigmen in Frage zu stellen, andererseits die dominanten ästhetischen und interpretativen Kategorien noch einmal neu zu definieren und etwas zu tun, was oft aus Büchern gelernt wird: Antinomien zu akzeptieren, ohne unbedingt nach einer Lösung zu suchen.

Die Annahme, dass man nach Auschwitz nicht mehr dichten könne, es sei denn über Auschwitz, führte zu einer epistemologischen Debatte, der das Zeichen "Auschwitz" eine irreversible Orientierung aufzuerlegen scheint (Primo Levi). Unter dieser Annahme scheint es, die Besonderheiten poetischen Schreibens betreffend, als ob das Postulat der poetischen Unfähigkeit allmählich durch das beinahe systematische Abwägen der Bedeutung von Zeugenschaft ersetzt wurde.

Neben einer Auseinandersetzung mit den Modi und Funktionen des poetischen Diskurses im öffentlichen Raum ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts scheinen oben beschriebene Problemfelder umfassende Untersuchungen zu rechtfertigen. Diese können sowohl darauf abzielen, die Entwicklung des Verhältnisses zwischen Poesie und Geschichte im Laufe der Zeit zu erklären, als auch feststellen, inwieweit die dokumentarische Komponente des poetischen Schreibens als grundlegendes – wenn nicht sogar "organisches" (cf. Miriam Trinh) – Merkmal eines kodifizierten wie gleichsam hybriden Genres angesehen werden kann.

In diesem Sinne hoffen wir auf italianistische Beiträge, die unabhängig von der Zeit, nützliche Denkanstöße zur Vertiefung der beschriebenen Wege liefern können. Wir ermutigen das Einsenden von Beiträgen, die sowohl weniger konventionellen Lektürevorschlägen von kanonischen Autoren als auch der Analyse von weniger bekannten Werken gewidmet sind. Erwünscht sind dabei auch Texte, die sich, mit dialektaler Poesie auseinandersetzen. Beiträge werden in italienischer, englischer oder deutscher Sprache angenommen. Abstracts (maximal 250 Wörter lang) sind bis zum 15. April an folgende Adressen zu senden: guido.furci@durham.ac.uk ; albert.goeschl@uni-graz.at. Die Auswahl findet zwischen dem 15. April und dem 1. Mai statt. Die ausgewählten Artikel sollen bis zum 15. Juli eingereicht werden.

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Foto: Silvana Maja, Italian Memoriale in Auschwitz, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:CRONACA_DI_UNA_DEPORTAZIONE_IL_MEMORIALE_ITALIANO_DI_AUSCHWITZ.jpg [07.03.2019]